Reine Bockgruppen



Es wird oft behauptet, dass "Böcke sich nicht vertragen und wenn, dann höchstens zwei Kastraten".
Dem kann ich zumindest teilweise widersprechen.
Wir hatten 9 Jahre Bockgruppenhaltung. Mehr dazu kann man unten auf dieser Seite lesen.



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Bockgruppen mit mehr als zwei Tieren eignen sich nicht unbedingt für Anfänger. Man muss viel Zeit mit seinen Tieren verbringen, sie genau beobachten und unbedingt die Vergesellschaftungs-Regeln einhalten. Selbst dann ist es nicht gesagt, dass es funktioniert. Es gibt immer wieder Probleme und es ist ganz sicher nicht immer ruhig und entspannend. Es ist schwer, dann immer ruhig zu bleiben und mit dem Verstand zu arbeiten, statt seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Böcke haben ihre eigenen Regeln und Verhaltensweisen, die man akzeptieren und respektieren muss. Nur das sollte für einen Halter wichtig sein - das eigene Harmoniedenken sollte man zurückstellen. Oftmals sehen "Kämpfe" auch schlimmer aus, als es ist.

Das bedeutet natürlich nicht, dass man zusehen soll, wie Tiere sich gegenseitig zerbeißen. Wenn Blut fließt, ist natürlich das Eingreifen des Halters angezeigt. Ansonsten habe ich es so gehalten, dass ich nach den Auseinandersetzungen die beteiligten Tiere gründlich untersucht habe.

Vielleicht hatte ich all die Jahre einfach nur Glück, aber bisher gab es keine gefährlichen Verletzungen. Generell konnte ich in den ersten drei Jahren meiner Bockhaltung nur eher kleinere Biss-/Kratzverletzungen verzeichnen, die im Eifer des Gefechts entstanden sind. Auch später hielten sich die "Schäden" in Grenzen und es gab immer eine Problemlösung.

Wenn so eine Böckchen-Gruppe gut miteinander klar kommt, dann ist es wirklich toll, zu beobachten, wie die kleinen Fellnasen miteinander umgehen. Trotz allem erfordert die Bockhaltung gute Nerven, denn es gibt immer mal wieder - auch aus heiterem Himmel - kleinere Kämpfe oder Zickereien. Dennoch sollte man für den Fall der Fälle immer einen Plan B haben, denn auch nach vielen Jahren Harmonie und Außerhalb der Rappelphasen ist es möglich, dass es auf einmal Krieg gibt.


Ein paar Dinge sind wichtig, wenn man Böcke miteinander vergesellschaften will:

Generell gelten die normalen Regeln der Vergesellschaftung -> HIER

Natürlich gelingt es auch in einigen wenigen Fällen, zwei ältere Böcke miteinander zu vergesellschaften, aber das erfordert einiges an Kenntnissen und sollte von Anfängern auf keinen Fall versucht werden, da es (auch nach Wochen) zu schweren, blutigen Kämpfen kommen kann.
Wer seine Tiere gut kennt und ihr Verhalten deuten kann, der weiß auch, was er ihnen zumuten kann.

Noch eine Bemerkung zum Platz: je mehr Tiere man hat, umso mehr Platz braucht man, das ist klar. Ab ca. 5 Tiere relativiert sich diese Grundfläche allerdings. Natürlich ist es schön, wenn die Tiere viel Platz haben, dennoch bin ich der Meinung, dass dies, gerade bei der Bockhaltung, auch nach hinten losgehen kann: zuviel Platz sorgt für Stress.

Meine Tiere waren z.B. viele Jahre eine harmonische Gruppe - solange pro Tier nicht mehr als 0,6 m² zur Verfügung stehen. Darüber hinaus fingen sie mit Revierbildung an und es kam zu Zickereien und Kämpfen.
Am Besten, man beobachtet seine Tiere und schafft den Platz nach den Bedürfnissen der Gruppe. Jedes Tier hat seinen eigenen Charakter. Was bei der einen Gruppe gut klappt, kann bei der anderen Gruppe völlig daneben gehen.


Rappelphase

Bei Böcken gibt es noch die sogenannten "Rappelphasen". Das ist mit der "Pubertät" bei Menschenkindern zu vergleichen. In dieser Zeit versucht der Jungbock sich in der Gruppe einen höheren Rang zu erkämpfen oder durch Bespringen zu erreichen. Außerdem muss der kleine Bock Sozialverhalten lernen. Er muss akzeptieren, dass ein anderer Bock stärker ist als er und ebenso, dass er mit seinen "Angriffen" aufhören muss, wenn sein Gegenüber ihm Respekt zollt (sich unterwirft).
Die erste Rappelphase haben sie mit ca. 4-5 Monaten (kann auch schon früher sein) und die nächste mit 9-12 Monaten. Es kann auch noch eine dritte mit ca. 15 Monaten geben.
Quelle: http://www.salatgurken.net (Rappelphasen)


Gerade oder ungerade?

Auf diversen Internetseiten wird zu einer geraden Anzahl an Tieren geraten, wenn es um reine Bockgruppen geht. Meine eigenen Erfahrungen und die einer Bekannten zeigen das Gegenteil an. Wir hatten 3er-Bockgruppen - also eine ungerade Anzahl - und diese jeweils um ein sehr junges Tier erweitert und in beiden Fällen kam es danach zu Problemen. Bei Jule schon recht früh und bei ihr war es so schlimm, dass sie das Tier wieder aus der Gruppe nehmen musste. Seitdem ist bei ihr Ruhe.
Bei meiner eigenen Bockgruppe dauerte es vier Monate, bis die ersten Probleme auftraten. Ich hoffte lange Zeit, dass die vier Jungs sich - im wahrsten Sinne des Wortes - zusammenraufen. Nach über einem halben Jahr mit vielen Höhen und Tiefen holte ich einen weiteren Jungbock dazu und erst dann herrschte wieder (relativ) Ruhe. Ich würde mal sagen, es kommt immer auf die einzelnen Tiere an. Dazu kommt, dass sich das hauptsächlich auf kleinere Gruppen (ca. 3-4 Tiere) bezieht. Je mehr Tiere es sind, umso unwichtiger ist es, ob es eine gerade oder ungerade Zahl ist.


Pseudoweibchen

Da Gizmo sich schon nach kurzer Zeit "etwas anders" als die anderen benahm, hatte ich mich mal umgehört und dabei festgestellt, dass er sich "typisch weiblich" benimmt. Da er nun aber 100%ig ein Bock ist, konnte das ja nicht angehen, oder?

Ich fand schließlich im Internet einen von Heike Kienle verfassten Artikel, dass es in Bockgruppen des öfteren Pseudoweibchen gibt.

Professor Norbert Sachser von der Universität Münster ist so fasziniert vom Sozialleben der Hausmeerschweinchen, daß er diese Tiere seit zwanzig Jahren studiert. Besonders die männlichen Nager, ”Böcke” genannt, erregten die Aufmerksamkeit des Verhaltensbiologen [...]

[...] Zudem bemerkte Sachser, daß es immer wieder Meerschweinmänner gab, die sich genau wie Weibchen benahmen. Die sogenannten ”Pseudoweibchen” genossen ein hohes Ansehen in ihrer Gruppe, wurden von allen umworben und waren nie in aggressive Handlungen verwickelt. Durch diese Alternativstrategie zum männchentypischen Verhalten sicherten sie sich ihr Wohlergehen in reiner Männergesellschaft. Setzte Sachser aber ein echtes Weibchen in die Gruppe, zeigten die Pseudoweibchen sofort ihr wahres Gesicht [...]

Den vollständigen Artikel kann man hier lesen -> Aus: mittelhessen online vom 19.10.2000

Somit wäre, meiner Meinung nach, Gizmo also ein sogenanntes Pseudoweibchen, denn es verhielt sich mit ihm genauso, wie von Professor Sachser beschrieben wurde.

Er wurde nicht bestiegen, aber dennoch ist immer einer der anderen Jungs zur Stelle, wenn er mal am quieken war. Ebenso wurde Gizmo - in schlimmsten Rappelzeiten der Lütten - von Murphy (und seltener von Leo) "vor dem Rüpel beschützt".

Nachtrag:
3 Jahre später - nach dem Tod von Murphy - wurde Gizmo zum Punchingball der anderen drei Böcke. Da er mehr und mehr ausgegrenzt wurde, bzw. sich selber absonderte, haben wir beschlossen, noch 2 weitere Böcke zur Gruppe zu gesellen. Seit der Vergesellschaftung hatte sich Gizmos Verhalten komplett geändert. Er hatte scheinbar mehr Selbstbewusstsein und benahm sich seitdem auch bocktypisch, wenn man das so nennen kann. Er war damit ein vollwertiges Mitglied der Gruppe, ohne Sonderstatus. Das 'weibliche' Verhalten hatte er gänzlich abgelegt. Er brommselte und versuchte auch, die anderen zu besteigen. Das hatte er die Jahre vorher nie gemacht.


Kastration - ein heikles Thema

Zum Thema Kastration bei Bockgruppenhaltung gibt es viele und vor allem unterschiedliche Meinungen. Ich persönlich bevorzuge eine Kastration auf jeden Fall.

Hält man einen Bock mit Weibchen zusammen ist es ohnehin ein MUSS. Hält man einen Bock mit anderen Böcken zusammen, kann eine Kastration bewirken, dass die Rappelphasen nicht mehr so schlimm sind und die Böcke ruhiger werden. So habe ich das bis jetzt (März 2009) bereits in 7 Fällen persönlich erlebt.

Noch weniger zu bemerken von den Rappelphasen war bei meinen Frühkastraten. Dort gab es kaum Kämpfe oder andere Konfliktsituationen.


Noch mehr über das Pro und Kontra von Kastrationen kann man hier nachlesen: KLICK


Ich möchte noch einmal darauf hinweisen, dass dieser Text meine persönliche Meinung widerspiegelt, welche sich aus meinen eigenen Erfahrungen gebildet hat. Außerdem habe ich Aussagen anderer Meerschweinhalter mit berücksichtigt, die ich zwar selber nicht erlebt habe, die jedoch für mich nachvollziehbar sind.



© Heike Appelhagen (08.11.2007)
Update: 28.07.2014




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Meine eigenen Bockgruppen-Erfahrungen:


Wir hatten von 2005 bis 2008 eine Bockgruppe, bestehend aus fünf Tieren (3 Kastraten, 2 Unkastrierte), die sich bis auf gelegentliche Zickereien sehr gut verstanden haben.

Von Oktober 2008 bis November 2011 bestand meine Bockgruppe aus 5 Kastraten.
November 2011 bis Februar 2012 waren es 7 Kastraten, da das letzte Vermittlungsbaby (Mecki) und noch eine Handaufzucht von mir mit in die Gruppe zogen.

Im Januar 2012 starb Moses - der Chef der Truppe, was viel Unruhe brachte. Wir wollten es auf die bisher bewährte Methode versuchen und setzten Ende Januar Babybock Snuggles dazu - aber da war die Gruppe schon viel zu unruhig. Im Februar wurde Notschweinchen Mecki vermittelt und es wurde ein wenig ruhiger.

Im Juni 2012 starb unser Opa Leo mit fast 7 Jahren. Obwohl blind und taub, war er scheinbar immer noch so etwas wie eine Autorität gewesen, denn wenige Tage nach seinem Tode gab es wieder Unruhe unter den verbliebenen 5 Kastraten.

Im Oktober 2012 zog Snuggles zu 2 Mädels und sie bilden seitdem unsere dritte Mischgruppe. Auch mit 4 Kastraten ist es noch nicht wieder richtig harmonisch. Wir haben nun beschlossen, die Bockhaltung aufzugeben. Es werden keine neuen einziehen und sobald die Möglichkeit besteht, die Gruppe (wie im Fall von Snuggles) noch weiter zu reduzieren, werden wir das auch tun.

Am 26. Januar 2013 zog Percy zu Tavor nach Buchholz. Er hatte sich in den Wochen zuvor immer wieder mit Minimuck geprügelt.

Am 23. Mai 2013 musste ich Felix von Minimuck und Wilson trennen. Die beiden hatten ihn immer wieder gejagt und es kehrte - trotz 3qm Gehege - keine Ruhe mehr ein. Felix hat ein Mädel bekommen und nun leben Wilson und Minimuck noch als Bockpaar harmonisch zusammen.

Am 18. Juni 2014 ist Wilson über die Regenbogenbrücke gegangen. Damit endet nun unsere Bockhaltung. Minimuck hat ein Mädel als Partnerin bekommen.


Damit diese Seite nicht endlos lang wird, habe ich den folgenden Text aufgeteilt. Es ist teilweise so eine Art 'Bockgruppen-Tagebuch'. Man kann einfach hier weiterlesen: KLICK
oder direkt in das entsprechende Jahr springen:




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