Kastration und Quarantänezeit



Literaturrecherche von Petra Lahann:

Letztens bin ich mal etwas angesäuert gewesen, weil in einem Forum ewig die Kastrationsfrist diskutiert wurde und jemand meinte, das sei ein unerforschtes Thema.

Letztendlich ist die Überlebensfähigkeit von Spermien ein extrem wichtiges Thema und darum wurde das intensiv erforscht und es gibt unzählig viele Veröffentlichungen dazu. Die meisten befassen sich natürlich mit der Spermienüberlebensdauer im Weibchen und viele mit dem Thema Spermienüberlebensdauer unter Drogen- oder Medikamenteneinfluß.
Die meisten Studien sind aus den 20iger Jahren.

Ich hatte 4 Studien am Meerschweinchen mal exemplarisch zusammengestellt. Die Zahlen der Überlebensdauer im Weibchen und im Männchen sind alle ähnlich und schwanken deshalb um einige Tage, weil die Forscher eben immer nur 20 Tiere untersucht haben und es natürlicherweise eben eine Glockenverteilung gibt.
  • Im Weibchen überleben die Spermien bis zu 4-6 Tage, im Schnitt 30-48 Stunden (1,2)
  • Lebensdauer der Spermien im Männchen: 20-35 Tage (3)
Sehr interessante Studie speziell auf die Kastration bezogen:
  • Lebensdauer der Spermien nach Kastration im Samenleiter: 7-70 Tage (4) Dazu unten auch der Abstract


Quellen:
1. Yochem (1929). Spermatozoön Life in the Female Reproductive Tract of the Guinea Pig and Rat. Biological Bulletin

2. HAMMOND and ASDELL (1926) The Vitality of the Spermatozoa in the Male and Female Reproductive Tracts Journal of Experimental Biology 4,155-185

3. Young 1929 A STUDY OF THE FUNCTION OF THE EPIDIDYMIS
11. THE IMPORTANCE OF AN AGING PROCESS IN SPERM FOR THE
LENGTH OF THE PERIOD DURING WHICH FERTILIZING
CAPACITY IS RETAINED BY SPERM ISOLATED IN

4. McGlinn, Stepherd, Martan (1976) A new castration technic in the guinea pig. 26 203-205 Lab Anim Sci.
THE EPIDIDYMIS OF THE GUINEA-PIG Journal of Morphology 48 475-491


Abstract
A castration technic was perfected for removing seminiferous tubules and Leydig cells from the tunica albuginea, leaving the epididymis and its nerve and vascular supplies intact. There was a significant decrease in seminal vesicle weight in 15 guinea pigs castrated by this new procedure, indicating that the testicular androgen source was removed during castration. Spermatozoa remained motile in the ductus deferens of 18 animals that had been castrated for periods ranging from 7-70 da. The longevity of spermatozoa in the excurrent ducts was attributed to minimal trauma and damage to the ducts and their vascular and nvere supplies using this new technic.


Ansonsten hier noch eine Publikation von 2004, also relativ aktuell.
Demnach sind nach einer Kastration nach 5 Wochen 95% der Spermien im Samenleiter und Nebenhoden hinüber (hier haben auch 15 Tiere teilgenommen). Leider wurde die Studie dann abgebrochen und man hat nicht weiter nachgeschaut.

Quelle:
Jones, R. (2004) Sperm Survival Versus Degradation in the Mammalian Epididymis: A Hypothesis1. BIOLOGY OF REPRODUCTION 71, 1405–1411



© Petra Lahann (Literaturrecherche / 29.06.2009)
[Dieser Bericht wurde mit Genehmigung der Autorin veröffentlicht.]



Internetrecherche von mir:

Auf das Ergebnis der Studie mit dem "7-70 Tagen"-Ergebnis haben viele erschrocken reagiert, bedeutet das doch, dass Böcke auch nach der bisher immer mit 6 Wochen angegebenen Kastrationsfrist noch decken könnten.

Anatomisch gesehen:
Beim frisch kastrierten Meerschweinchen befinden sich die restlichen Samen nicht nur im Samenleiter. Böckchen besitzen auch noch eine Samenblase, welche bei der Kastration nicht entfernt wird. Es ist also durchaus möglich, dass die dort befindlichen Samen noch 5 Wochen und länger überleben könnten.


In einer Studie wurden 15 Meeris untersucht. Ein einziger Bock hatte nach 70 Tagen noch lebensfähige Spermien.

Genauer gesagt: es ist alles eine Frage der Wahrscheinlichkeit. Ein Bock, der nach 70 Tagen noch decken kann, hätte es nach 7 Tagen ebenfalls gekonnt. Allerdings liegt da die Wahrscheinlichkeitsquote noch viel höher. Geht man mal von geschätzten Werten aus, beträgt die 'Trefferquote':
Somit läge die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Deckaktes bei den bisher empfohlenen 6 Wochen bei unter 1%.


Dann kommen natürlich noch viele andere Faktoren hinzu:

Damit ein Kastrat nicht die ganze Quarantänezeit alleine absitzen muss, empfiehlt es sich, ihn noch während seiner Zeit in der Bockgruppe kastrieren zu lassen. So ist er nicht alleine.

Züchter setzen oftmals ein trächtiges Weibchen oder ein Jungböckchen zum frischkastrierten Bock. Das ist bei der Liebhaberhaltung meist nicht möglich. Daher wäre es noch besser, eine Frühkastration vornehmen zu lassen, da dann solche Probleme garnicht erst entstehen und das Böckchen jederzeit zum Weibchen gesetzt werden kann.




© Heike Appelhagen (05.07.2009)


Quellen:





>> Zurück zum Index <<